Archiv für April 2015

Pronomenrunden

Pronomen-Runden und Zwangsidentitäten

„Vorstellungsrunde. Mit Pronomen, Name und Gruppe.“. Als ich den Satz wieder ein Mal höre, beginne ich nervös hin und her zu rutschen. Vorher war ich entspannt. Jetzt bewege ich mich. Nur um zu bewegen, um nicht meine Fingernägel abzubrechen oder rauszugehen, nehme meine Wasserflasche in die Hand und trinke, obwohl ich keinen Durst habe, nur um irgendetwas zu tun. Ich fühle mich unwohl. Aber ich sage nichts. Es war auch mehr eine festgeschriebene Aufforderung an alle, als eine Frage, ob wir das machen wollen, wo doch sonst so oft gefragt wird, ob alles für alle ok ist.
Ich habe wieder Angst etwas falsches zu sagen, etwas das Andere verletzten könnte, das falsch rüber kommt. Für fast alle im Raum scheint eine Pronomen-Runde obligatorisch dazu zu gehören, etwas zu sein, dass sich etabliert hat und nicht hinterfragt wird, weil es positiv zu sein scheint.
Nun kommt sie wieder bedrohlich schnell auf mich zu. Meine Gedanken springen wild umher. Was sage ich? Was ist in Ordnung, was verständlich? Sage ich was ich denke? Sage ich irgendetwas festes, nur um etwas festes zu sagen, obwohl es nicht stimmt?
Ich möchte nichts sagen, kann die Komplexität meiner Identität nicht in Worten einsperren.
Alle innere Gelassenheit mit der ich hergekommen war, das Bisschen Sicherheit, dass ich mir auf dem Weg hierher erkämpft hatte, ist weg. Ich falle in alte Muster zurück, ziehe mich in mich zurück, denke wieder: Alles ist falsch. Ich bin falsch. Ich passe nicht her, nicht in diese Welt und auch nicht in eine Andere. Es gibt nichts, wo ich hingehöre. Ich kann mich nicht in einem kurzem Satz definieren. Wenn ich es versuche zeigt mein System Error an. Falscher Pfad.
Circa 5 Personen vor mir sagen, Name, Gruppe und ein festes Pronomen. Das baut unwahrscheinlichen Druck auf. Als ich an der Reihe bin, sage ich undeutlich meinen Namen, murmle noch undeutlicher, etwas von „Ich mag keine Pronomen-Runden“ und gebe den Ball weiter. Dabei kann ich niemanden ansehen, starre auf die Kiste vor meinen Füßen, habe Angst, wieder ein Mal falsch zu sein. Wieder ein Mal in feministischen Kontexten, in denen ich mir wünschen würde dieses Gefühl nicht haben zu müssen, in denen ich mich sicher fühlen können möchte, die vorgeben sicherer zu sein. Warum muss ich mich gerade hier definieren? Warum müssen gerade hier genau diese Anforderungen von Mehrheitsgesellschaft in Deutschland reproduziert werden? Warum kann ich nicht einfach ich sein?
Ich spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen, kann gerade noch verhindern loszuheulen, mein erster Impuls ist: „Raus, weg. Ich will hier nicht sein.“ Ich fühle mich wieder ein Mal unwohl in meiner Haut, frage mich wieder ein Mal: „Warum muss ich anderen sagen, wer ich bin, wenn ich es selbst nicht weiß?“ Aber ich sage nichts, weil mir die Worte fehlen und ich keinen Raum einnehmen möchte, weil wir für etwas ganz anderes zusammengekommen sind.
Ich verstehe, dass es Leuten wichtig ist, zu sagen, was für ein Pronomen andere verwenden sollen, wie sie sich selbst betrachten, wer sie sind. Die Idee hinter Pronomen-Runden ist ja auch, dass Leute sich nicht explizit outen müssen, dass niemand andere mit falschem Pronomen anspricht. Aber es besteht ein Outing-Zwang. Ich muss in einer Pronomen-Runde etwas zu meinem Geschlecht sagen, mich irgendwo festlegen, auf eines, mehr oder keines, oder boykottieren, muss mich vor Leuten irgendwo hinbewegen, wo ich so schnell nicht mehr raus komme, oder mich rechtfertigen dafür dass ich es nicht mache. Ich fühle mich erdrückt davon. Mir geht es schlecht, wenn ich das tue.
Wieder gibt es keinen Raum für Fragen: Was ist wenn ich nichts dazu sagen möchte, wenn ich nicht genau weiß, was mir recht ist oder wenn ich an einem Tag so, und am anderen anders fühle?, weil Unsicherheiten und Fragen über sich keinen Raum haben entscheide ich mich für Boykott. Ich möchte nicht vor unbekannten Leuten erklären, wie es in mir aussieht, nicht meinen Namen sagen, weil er geschlechtlichkonnotiert ist, sondern einfach sein dürfen.
Ich möchte auch nicht, dass Leute sagen, wenn ich mich nicht festlege „Oh darüber habe ich noch nicht nachgedacht“ und vorgeben selbst nicht sicher zu sein, obwohl sie es sind und in ihrer Lebensrealität vollkommen andere Problematiken erleben, als ich. Ich habe keine Lust, dass Leute versuchen sich auf meine Ebene zu stellen und mich dabei wieder irgendwo ins Nirvana schubsen, weil sie eben nicht verstehen wo ich mich bewege und vor Allem auch, dass ich nicht statisch bin. Aber ich möchte auch niemandem eine Identität absprechen.
Ich möchte Leuten auch nicht das Bedürfnis absprechen ihr Pronomen nennen zu können, ohne dass es etwas explizites hat. Ich weiß, dass Pronomen-Runden für Manche sehr wichtig sind.
Aber für mich sind sie ein Problem, das mich oft noch Tage später beschäftigt. Wenn ich sage, dass ich diese Art des Zwangsoutings (weil Boykott nicht alle psychisch können und Gruppendruck etwas enorm starkes ist) nicht gut finde, dann gehe ich über Bedürfnisse hinweg. Wenn ich es nicht mache, gehe ich über andere Problematiken hinweg, die -im Übrigen- nicht nur mich betreffen. Sich festlegen und outen ist etwas das nicht alle wollen.
Es ist vertrackt. Es ist schwierig. Was ich fordere ist genau das anzuerkennen, und wenigstens darüber zu diskutieren, was Pronomen-Runden bedeuten, sie kritisch zu hinterfragen. Dazu gehört auch explizit Möglichkeiten zu öffnen nicht teilzunehmen, ohne dass es entweder explizit wirkt oderso, als sei das Pronomen einfach nur vergessen worden und aber auch über andere Lösungen nachzudenken, als die Produktion von Zwangs-Outings oder damit zusammenhängenden unangenehmen Situationen. Denn das Wichtigste für mich ist es einfach ich sein zu dürfen und andere sein zu lassen, ohne sie oder mich definieren zu müssen, genau, wie das kleine Ich bin ich.
ichbinich von mira lobe