Archiv für Mai 2015

Was mein Name bedeutet?

In letzter Zeit habe ich öfter darüber nachgedacht, was mein Name eigentlich bedeutet und warum es mir nicht möglich ist als namenloses Tier durch die Gegend zu laufen. Eigentlich mochte ich ihn nie wirklich gern. Sein Klang war mir immer zu hart, irgendwie abstoßend, seine Bedeutung war auch nichts Tolles und dann küren einige Leute das Desaster auch noch damit, dass sie ihn abkürzen, so schrecklich, dass ich mich entweder an eine alte first-wave-feministin aus der alice-schwarzer-generation erinnert fühle, oder an ein Kinderbuch, das ich immer schon gehasst habe, weil es unsägliche Geschlechterklischees verbreitet.
Ich habe überlegt, warum ich ihn immer behalten habe, auch als ich gemerkt habe, dass es überhaupt nicht cool ist meinen Namen zu nennen, weil er geschlechtlich konnotiert ist und das eben nicht mit meiner Identität konform geht und auch als mir bewusst geworden ist, dass Namen genau so wenig statisch sind, wie Identitäten. Eine ganze Weile habe ich versucht Vorstellungssituationen zu umgehen, ihn nur dann zu nennen, wenn es wirklich nicht anders geht. Aber wir leben nun Mal in einer Welt, in der Dein Name stetig erfasst werden muss, um Dich benennen zu können, egal ob in irgendwelchen Akten, bei Freund*innen, Bekannten oder in Polit-Kreisen. Irgendwie macht es ja auch Sinn auf irgendeine Weise deutlich zu machen wer gemeint ist. Wir sind nun Mal nicht Zahlen auf einem Stück Papier, sondern lebendige Individuen.
Seit längerem habe ich schon darüber nachgedacht, was denn eine Alternative sein könnte, zu meinem ungeliebten Geburtsnamen. Von Apfel über Olea bis zu Zement bin ich alles durchgegangen, aber nichts gefiel mir auch nur annährend, nichts passte zu mir, nichts davon war ich. Ich hatte immer das Gefühl meine komplette vorherige Identität hinter mir lassen zu müssen, meine Geschichte wegzuwischen. Das wollte ich nicht, denn sie ist Teil von mir.
Vor einiger Zeit gab es dann aber ein Schlüsselerlebnis. Mir wurde klar: Ich gebe die ganze Zeit vor eine Person zu sein, die ich nicht bin. Mir wurde schlagartig bewusst, warum für mich manche Dinge Probleme darstellen, die für andere eine Selbstverständlichkeit sind. Ich wusste, dass sich das nur ändern kann, wenn ich Selbstbewusst mit meiner Identität umgehe.
Also begann ich ganz vorsichtig damit, Mails nur mit den ersten beiden Buchstaben meines Geburtsnamens zu unterschreiben. Sie ergeben einen neuen, nicht eindeutig geschlechtlich konnotierten Namen.
Irgendwie fühlte ich mich gut dabei.
Bis jemand mich in einer Mail damit ansprach, jemand den ich nicht wirklich kannte. Wir wissen voneinander wie wir aussehen und saßen drei Mal auf den gleichen Bündnistreffen, haben aber nie außerhalb davon miteinander gesprochen. Er kannte einen anderen Namen von mir. Plötzlich war ich verwirrt, verunsichert. Er wusste gar nichts über mich, über das Wie, das Warum. Die Tatsache, dass er den Namen verwendete, wirkte für mich irgendwie undistanziert, vertraut, als ob er einen Teil meiner Geschichte kennen würde, ohne dass wir darüber geredet haben. Es verwirrte mich, ich wusste nicht damit umzugehen. Es fühlte sich an, als ob er mir zu nahe getreten wäre. Dabei hatte ich selbst damit unterschrieben.
Ich gehe mit meiner Identität sehr introvertiert um, spreche nur mit ausgewählten Personen darüber wie es in mir aussieht. Ich kann allen Leuten erzählen, wie es mir grad in meiner WG geht, weil ich immer das Gefühl habe: Es betrifft mich nicht richtig. Es sind solche Kleinigkeiten, über die ich mich vielleicht aufrege, aber es ist nur ein temporärer Zustand, nichts weltbewegendes, nichts was mich wirklich bis ins Innerste berührt. Es sind notwendig dazugehörige Übel, an denen ich mich gern dann aufhalte, wenn ich nicht über andere Dinge nachdenken möchte.
Aber wie es wirklich in mir aussieht, darüber rede ich sehr selten, auch weil ich Angst vor verletzenden Reaktionen habe.
Also stellte ich es ein Mails mit Namen zu unterschreiben, redete aber viel mit Freund*innen über die Sache.
Sie nannten mich jetzt oft mit meinem Wunschnamen. Bei ihnen fühlt sich die Nähe, die dadurch geschaffen wird richtig an. Es sind Menschen, die meine Geschichte kennen und wissen wo der Name herkommt. Es ist seltsam, aber es fühlt sich richtig an. Eine Freundin schrieb es Mal richtig: „Auch ich muss mich daran gewöhnen.“ Und das habe ich eine Weile getan, bis ich einen zweiten Versuch unternahm offen mit meiner Identität umzugehen, zu der auch mein Name gehört.

Als die Uni wieder begann stellte ich mich in sämtlichen Seminaren mit meinem neuen alten Namen vor. Dies Mal ging es besser. Ich konnte ihn auch selbstbewusster aussprechen. Es fühlte sich befreiend an, so als ob ich etwas altes hinter mir lassen und doch irgendwie mitnehmen könnte. Es hatte etwas von „ich stehe endlich zu mir und höre auf mir und anderen was in die Tasche zu lügen, vorzugeben eine Person zu sein, die ich nicht bin.“.
Aber dann sind da immer wieder diese Situationen, wie die: Ich stelle mich im Seminar vor. Und dann kommt in der nächsten Sitzung der Dozent mit seiner Liste und liest wieder meinen alten Namen vor. Und wie reagiere ich? Verletzt. Ich schlucke, aber ich sage nichts dazu, weil ich keine Lust habe zu erklären, und weil ich Angst habe vor dem Kurs zu sagen, wer ich bin. Warum reagiere ich nicht mit Widerspruch, obwohl sich alles in mir dagegen sträubt falsch angesprochen zu werden? Ich möchte doch richtig angesprochen werden, warum kann ich das nicht einfach sagen? Das frage ich mich immer wieder in solchen Situationen.
Noch schlimmer finde ich es aber bei Leuten mit denen ich zu tun habe, aber nicht enger befreundet bin. Ich möchte, dass sie Bescheid wissen, denke aber auch umgekehrt, dass ich ihnen zu viel von mir verrate, wenn ich sage wie ich angesprochen werden möchte. Warum will ich es ihnen verheimlichen? Was gibt es für Gründe dafür, wenn ich doch immer wieder schlechtere Laune bekomme, wenn sie mich falsch ansprechen, weil sie es nicht besser wissen?
Ich glaube nicht, dass ich bei allen unbedingt groß erklären müsste, sondern dass viele es auch einfach so hinnehmen würden, so wie ich es auch mache und wenn nicht könnte ich ja auch einfach sagen worauf ich Lust habe. Warum mache ich das nicht?
Fragen, die ich nicht beantworten kann. Vielleicht brauche ich einfach noch Zeit, nicht nur mich an meinen Namen zu gewöhnen, sondern auch selbstbewusst mit ihm umzugehen, auch in mir drin zu verstehen, dass das was auf dem Papier steht nicht darüber entscheiden darf, wie ich mein Leben zu leben habe, wer ich bin, wie ich mich nenne, wie ich mich fühle.