Archiv für Juni 2015

genderqueer?neinnein

Es ist so, dass ich persönlich mich gerade extrem viel und intensiv beschäftige, mit mir, mit meiner Geschlechtsidentität, mit dem „wer oder was bin ich“ und was können für mich Identifikationskategorien sein, an denen ich mich orientieren kann, in einer Gesellschaft in der Geschlecht eine so zentrale Rolle spielt, dass selbst die Farbe der Ablagekästen in der Grundschule geschlechtsspezifisch zugewiesen wird. Was bedeutet es, wenn ich feststellen sollte, dass weder Geschlecht noch Nichtgeschlecht für mich Möglichkeiten sind mich anderen vorzustellen? Wenn für mich die Frage danach mit welchem Namen oder Pronomen ich angesprochen werden möchte keine Antwort haben kann und wird?
Die damit vebundenen Prozesse, all die Fragen, die ich mir stelle und nicht beantworten kann, sind emotional sehr Kräfte zehrend und ja, eine nahe Person hatte irgendwie Recht, als sie ein wenig staunend feststellte „und daneben studierst du auch noch.“. Ja ich mache das -wenn auch sehr uneffektiv in Bezug auf Creditzahlen-, aber es ist auch nur möglich, weil ich etwas studiere, das mich auch in einigen Punkten weiter bringt. Und ja zur Zeit befinde ich mich in einem emotional völlig verwirrten Zustand und kann noch nicht Mal annähernd sagen, ob und wie sich das ändern kann.
Die Tatsache, dass ich gerade sehr verunsichert bin, gibt mir aber meiner Meinung nach nicht das Recht mir irgendwohin fett „genderqueer“ zu schreiben und damit, wie mit einer weißen Fahne, in der Welt herum zu fuchteln. Denn diese Konzepte mit Geschlechtsidentität umzugehen, sind nicht dafür da, dass jede x-beliebige Person sie sich aneignet, nur weil es so schön klingt und dabei ihren eigentlichen Sinn vollkommen verfehlt. So lange ich mir nicht einiger Maßen sicher bin, mich damit identifizieren zu können, verwende ich das Wort für mich nicht. Ich möchte keine Konzepte enteignen, die für manche Menschen lebenswichtig sind. Würde ich mich einfach in so eine Nicht-Schublade stecken, wäre es sicherlich eine ganze Spur leichter für mich und für Andere, mit mir umzugehen. Aber ich möchte kein der Art verletzendes Verhalten an den Tag legen. Es kann sein, dass ich die Kategorie irgendwann auch für mich aneigne, aber definitiv nicht in meinem derzeitigen Zustand.
Und was passiert mitten in den Prozessen in denen ich mich befinde, und manche Dinge eben noch stärker wahrnehme, als sonst?
Da kommt so ein Cis-Typ daher und gendert sich in Selbstbezeichnung mit _in.
Damit ihn als Cis-Typ zu bezeichnen gehe ich nicht respektlos mit seiner Identität um, sondern gebe nur wieder, wie er sich in langen und intensiven Gesprächen mir gegenüber geäußert hat. Der Grund aus dem er sich gegendert hat ist, dass er nicht sieht, dass er ein hegemoniales Männlichkeitsbild verkörpert. Er kommt nicht damit klar als Macker bezeichnet zu werden (das würde ja auch ein selbstreflektiertes Verhalten voraussetzen), oder dass ihm bestimmte Machtprivilegien zu geschrieben werden (er wurde ja als Kind auch gehänselt und deswegen hat er auch gar keine Vorteile im Leben, gegen über nicht Cis(männlichen)Menschen… Ich würde ja sagen, das nennt sich Schuldabwehr.). Allein die Unterschiede zwischen Selbst-, und Fremdwahrnehmung beschreibt er als Grund dafür sich zu gendern. Aber er hat auf keiner Ebene irgendwelche Probleme sich als cis-männlich zu bezeichnen.
Ich wusste erst nicht, ob ich lachen, oder heulen soll, musste erst das Eine, dann das Andere. Wie kann ein Mensch so unbedacht mit Konzepten um sich werfen, die nicht für ihn bestimmt sind? Wozu bin ich bitte so vorsichtig, wenn ein Cis-Typ, der von allen außer von sich selbst als Macker bezeichnet wird (u.A. auf Grund dominanten Redeverhaltens), dann einfach daherkommt und sie missbräuchlich verwendet, eine Identität vorgibt, die er nicht hat, in dem er einen Unterstrich und eine Endung verwendet, die nicht für ihn bestimmt sind?
Selbstredend möchte ich ihn in seiner Identität respektieren, aber ich muss sagen, dass es mir verdammt schwer fällt genau das zu tun, wenn er scheinbar so wahllos mit Geschlechtsidentitätszuschreibungen umgeht (und es auch bis jetzt nicht schafft meinen richtigen Namen zu verwenden, den mit dem ich mich besser fühle.). Er ist nicht der Erste bei dem ich den Verdacht hatte, dass das was er da tut, nichts mit meinem Verständnis von genderqueer_sich gendern zu tun hat, aber er ist der Erste mit dem ich sehr krass intensive Gespräche darüber hatte, bei dem ich mir 100000% Sicher bin, dass das was da passiert nicht cool ist, und der trotz nächtelangen Gesprächen, nichts verstanden hat.
Hier handelt es sich um die Enteignung von Begriffen, die für einige die Welt bedeuten und für Andere einfach nur cool klingen, oder_und dazu dienen ihre Privilegien als Cis-Mann/Mensch unhinterfragt stehen zu lassen. Hier wird in W_Orte eingedrungen, die nicht für sie bestimmt sind. Und das ist verdammt verletzend für Leute die eben diese brauchen.
Sich selbst zu gendern ist per se nicht verkehrt. Als Cis-Typ kommt mir das aber doch sehr weit hergeholt vor. Und selbst Mal ausgegangen von dem Selbstbild, als nicht mackrige Person, verkörpern doch nicht gleich alle männlichen Leute ein hegemoniales Männlichkeitsbild. Männlichkeit muss nicht Hegemonial männlich sein. Und wer das Nicht glaubt kann ja Mal „Der gemachte Mann“ von R. W. Connell lesen. Danach können wir gerne weiter diskutieren. Bis dahin bitte ich aber noch Mal ausdrücklich darum aufzupassen nicht anderer leuts Lebenskonzepte zu enteignen. Denn das tut nicht nur ihnen verdammt doll weh.