spiegelbilder eines selbst

Spiegelbilder eines Selbst

Still. Es ist so unfassbar still um mich herum, in mir. Es ist eine erdrückende Stille. Eine leere Stille. Keine Ruhe, sondern eine Stille, die Gedanken nicht zu lässt. Eine beängstigende Stille. Eine Stille, die mich in die Enge treibt. Eine Stille vor dem Sturm.
Irgendwo von ganz weit her höre ich Deine Stimme. Aber ich verstehe nicht was du sagst.
Die Stille erdrückt mich. Drückt meine Ohren und Augen zu und engt meinen Brustkorb ein. Ich atme flach und blind.
Ich halte es nicht mehr aus und schreie, laut, fast panisch.
Jetzt ist die Stille weg. Ich höre auf zu schreien. Die Geräusche verhallen einsam, ungeachtet. Und da ist sie wieder, die Stille, die alles erstickt, die mich erstickt.
Ich weiß nicht mehr, was wirklich geschieht und was nur in meinem Kopf stattfindet, will raus, weg, aber ich kann mich nicht rühren, klebe fest – wie mit Sekundenkleber angeleimt.
Ich schreie noch einmal. Lauter. Nehme alle Kraft zusammen und renne los. Blut, Scherben, ein zerbrochener Spiegel, brennen. Tränen. Rosane Flüssigkeit auf dem Boden.
Jetzt bin ich wieder da, in der Realität. Die Stille ist weg und hat einem dumpfen Schmerz Platz gemacht.
Du bist da. Hältst mich fest. Wie so oft.
Es war schon der dritte Spiegel diesen Monat. Ich habe ja versucht stehen zu bleiben, es auszuhalten, aber jedes Mal, wenn ich mein Bild im Spiegel sehe, kommt diese Stille. Diese Resignation. Diese Leere. Ich fühle nichts. Nur eine dumpfe, erdrückende Stille.
Ich kann hier nicht weg, Mein Körper ist was er ist. Ich muss ihn akzeptieren. Er ist gut so wie er ist. Das sagen alle. Nur Du verstehst was in mir vorgeht.
Du kennst meinen Körper. Und du kennst mich. Du respektierst mich. Mein Körper, gehört nicht zu mir. Du verstehst meine Verachtung. Meinen Hass. Meinen Ekel. Meine Resignation.
Schön. Alle sagen ich bin schön, sehe gut aus. Ich soll mir mal etwas weiblicheres anziehen, dann habe ich es leichter. Aber niemand versteht meinen Hass. Nur Du verstehst ihn. Du hältst mich, fängst mich auf und gibst mir die Kraft um weiterzumachen, um gegen die Stille und die Wut anzukämpfen.
Aber Du bist nicht immer da. Du brauchst deine Zeit um dich selbst zu sammeln. Um Ruhe vor meiner Stille zu haben. Ich weiß.

Alle sagen ich soll etwas aus mir machen, ich bin eine schöne Frau, sagen sie. Kein Verständnis, Ignoranz. Nur du verstehst mich. Ich bin keine Frau. Ich bin ein Nichts. Nichts halbes, nichts Ganzen. Ein IchBinIch, nicht definierbar. Und möchte auch als solches akzeptiert werden. – Und ja in meiner Lebensrealität spielt die imaginäre Dichotomie zwischen männlich und weiblich trotzdem eine Rolle.

Niemand kann verstehen, dass Schönheit für mich nicht mit diesem Körper geht. Ich bin nicht schön. Ich bin hässlich. Alle halten mich für etwas das ich nicht bin. Eine Frau.
Ich kann ihnen die Wahrheit nicht näher bringen. Nicht jetzt. Lieber halte ich diese Stille aus. Die Scherben. Die verschwimmenden Grenzen zwischen Gefühl und Wirklichkeit. Sie würden mich hassen, wenn sie es verstünden. Es reicht wenn ich mich selbst hasse. Nur Du, du hasst mich nicht.

Vielleicht schaffe ich irgendwann damit umzugehen. Dann wird alles besser. Dann brauche ich dich nicht mehr. Dann kann ich alleine aushalten. Dann muss ich mich nicht mehr für meine Performance rechtfertigen. Dann bin ich ich. Aber jetzt bist du einfach da. Und Du bist ich.