Allgemein

Diagnose: „Identität: Gestört“

Es gibt mich nicht. Ich bin nicht vorhanden.
Auf dem Papier existiere ich nicht. Im Gesetz bin ich nicht vorgesehen. Im Alltag bin ich unsichtbar.
Es gibt keine Toilette für mich, keine Umkleidekabine, kein Sportteam (in den Sportarten, die ich mag), fast keine Veträge , kein Pronomen, keinen Platz in dieser Welt und auch in keiner Anderen.
Nur in der Psychologie gibt es mich, als die große Kategorie „Identitätsstörung“. Ich bin bestenfalls eine Störung. Subversiv eben. Der nervige Streifen auf dem Bildschirm, der nicht dahin gehört.
Wer mich auf Formularen übergeht, wer mich nicht nennt, wer mich als „krank“ bezeichnet, mir sagt, dass ich verrückt bin, und dass was ich fühle „gestört“ ist, sagt nur was im Diagnosebogen steht und ist im Recht. Das tut weh. Das macht verzweifelt. Das macht wütend.
Ich bin weder weiblich, noch männlich. Ich bin ich. Ich fühle nicht als eindeutig geschlechtliches Wesen. Deshalb falle ich auch nicht in das (mangelhafte) Transsexuellengesetz hinein. Ich würde gerne meinen gesetzlichen Namen ändern und den Geschlechtseintrag in meiner Personenstandsanzeige löschen. Aber das geht nicht. Weil es mich nicht gibt. Ich bin nicht vorgesehen.
In Deutschland muss alles nach Regeln laufen, wer aus dem Rahmen fällt, wird eben als „krank“ abgestempelt. „Eine Therapie wird schon helfen klar zu kommen.“
Nein. Wird sie nicht. Identität ist nicht therapierbar und ich brauche keine Hilfe.
So lange Staat und Gesellschaft das aber glauben, bin ich wohl unheilbar krank und muss jeden Tag wieder und wieder um meinen Stolz kämpfen, darum sein zu dürfen, darum mich nicht zu verbiegen, nicht zu brechen, darum leben zu dürfen und mich nicht von den Ellenbogen der Psychopathologisierung niederschlagen zu lassen.
Und wisst ihr was? Ich werde immer besser darin – auch dank eines Umfeldes, dass es mir leicht macht nicht umzukippen. Ein Schritt ist, laut zu sein! Stolz zu sein, auf Subversivität! Und ich bin nicht Allein! Es gibt uns nämlich Doch!

Nette Aufmunterung einer Freundin, auch wenn Girl nicht so richtig passt.

spiegelbilder eines selbst

Spiegelbilder eines Selbst

Still. Es ist so unfassbar still um mich herum, in mir. Es ist eine erdrückende Stille. Eine leere Stille. Keine Ruhe, sondern eine Stille, die Gedanken nicht zu lässt. Eine beängstigende Stille. Eine Stille, die mich in die Enge treibt. Eine Stille vor dem Sturm.
Irgendwo von ganz weit her höre ich Deine Stimme. Aber ich verstehe nicht was du sagst.
Die Stille erdrückt mich. Drückt meine Ohren und Augen zu und engt meinen Brustkorb ein. Ich atme flach und blind.
Ich halte es nicht mehr aus und schreie, laut, fast panisch.
Jetzt ist die Stille weg. Ich höre auf zu schreien. Die Geräusche verhallen einsam, ungeachtet. Und da ist sie wieder, die Stille, die alles erstickt, die mich erstickt.
Ich weiß nicht mehr, was wirklich geschieht und was nur in meinem Kopf stattfindet, will raus, weg, aber ich kann mich nicht rühren, klebe fest – wie mit Sekundenkleber angeleimt.
Ich schreie noch einmal. Lauter. Nehme alle Kraft zusammen und renne los. Blut, Scherben, ein zerbrochener Spiegel, brennen. Tränen. Rosane Flüssigkeit auf dem Boden.
Jetzt bin ich wieder da, in der Realität. Die Stille ist weg und hat einem dumpfen Schmerz Platz gemacht.
Du bist da. Hältst mich fest. Wie so oft.
Es war schon der dritte Spiegel diesen Monat. Ich habe ja versucht stehen zu bleiben, es auszuhalten, aber jedes Mal, wenn ich mein Bild im Spiegel sehe, kommt diese Stille. Diese Resignation. Diese Leere. Ich fühle nichts. Nur eine dumpfe, erdrückende Stille.
Ich kann hier nicht weg, Mein Körper ist was er ist. Ich muss ihn akzeptieren. Er ist gut so wie er ist. Das sagen alle. Nur Du verstehst was in mir vorgeht.
Du kennst meinen Körper. Und du kennst mich. Du respektierst mich. Mein Körper, gehört nicht zu mir. Du verstehst meine Verachtung. Meinen Hass. Meinen Ekel. Meine Resignation.
Schön. Alle sagen ich bin schön, sehe gut aus. Ich soll mir mal etwas weiblicheres anziehen, dann habe ich es leichter. Aber niemand versteht meinen Hass. Nur Du verstehst ihn. Du hältst mich, fängst mich auf und gibst mir die Kraft um weiterzumachen, um gegen die Stille und die Wut anzukämpfen.
Aber Du bist nicht immer da. Du brauchst deine Zeit um dich selbst zu sammeln. Um Ruhe vor meiner Stille zu haben. Ich weiß.

Alle sagen ich soll etwas aus mir machen, ich bin eine schöne Frau, sagen sie. Kein Verständnis, Ignoranz. Nur du verstehst mich. Ich bin keine Frau. Ich bin ein Nichts. Nichts halbes, nichts Ganzen. Ein IchBinIch, nicht definierbar. Und möchte auch als solches akzeptiert werden. – Und ja in meiner Lebensrealität spielt die imaginäre Dichotomie zwischen männlich und weiblich trotzdem eine Rolle.

Niemand kann verstehen, dass Schönheit für mich nicht mit diesem Körper geht. Ich bin nicht schön. Ich bin hässlich. Alle halten mich für etwas das ich nicht bin. Eine Frau.
Ich kann ihnen die Wahrheit nicht näher bringen. Nicht jetzt. Lieber halte ich diese Stille aus. Die Scherben. Die verschwimmenden Grenzen zwischen Gefühl und Wirklichkeit. Sie würden mich hassen, wenn sie es verstünden. Es reicht wenn ich mich selbst hasse. Nur Du, du hasst mich nicht.

Vielleicht schaffe ich irgendwann damit umzugehen. Dann wird alles besser. Dann brauche ich dich nicht mehr. Dann kann ich alleine aushalten. Dann muss ich mich nicht mehr für meine Performance rechtfertigen. Dann bin ich ich. Aber jetzt bist du einfach da. Und Du bist ich.

genderqueer?neinnein

Es ist so, dass ich persönlich mich gerade extrem viel und intensiv beschäftige, mit mir, mit meiner Geschlechtsidentität, mit dem „wer oder was bin ich“ und was können für mich Identifikationskategorien sein, an denen ich mich orientieren kann, in einer Gesellschaft in der Geschlecht eine so zentrale Rolle spielt, dass selbst die Farbe der Ablagekästen in der Grundschule geschlechtsspezifisch zugewiesen wird. Was bedeutet es, wenn ich feststellen sollte, dass weder Geschlecht noch Nichtgeschlecht für mich Möglichkeiten sind mich anderen vorzustellen? Wenn für mich die Frage danach mit welchem Namen oder Pronomen ich angesprochen werden möchte keine Antwort haben kann und wird?
Die damit vebundenen Prozesse, all die Fragen, die ich mir stelle und nicht beantworten kann, sind emotional sehr Kräfte zehrend und ja, eine nahe Person hatte irgendwie Recht, als sie ein wenig staunend feststellte „und daneben studierst du auch noch.“. Ja ich mache das -wenn auch sehr uneffektiv in Bezug auf Creditzahlen-, aber es ist auch nur möglich, weil ich etwas studiere, das mich auch in einigen Punkten weiter bringt. Und ja zur Zeit befinde ich mich in einem emotional völlig verwirrten Zustand und kann noch nicht Mal annähernd sagen, ob und wie sich das ändern kann.
Die Tatsache, dass ich gerade sehr verunsichert bin, gibt mir aber meiner Meinung nach nicht das Recht mir irgendwohin fett „genderqueer“ zu schreiben und damit, wie mit einer weißen Fahne, in der Welt herum zu fuchteln. Denn diese Konzepte mit Geschlechtsidentität umzugehen, sind nicht dafür da, dass jede x-beliebige Person sie sich aneignet, nur weil es so schön klingt und dabei ihren eigentlichen Sinn vollkommen verfehlt. So lange ich mir nicht einiger Maßen sicher bin, mich damit identifizieren zu können, verwende ich das Wort für mich nicht. Ich möchte keine Konzepte enteignen, die für manche Menschen lebenswichtig sind. Würde ich mich einfach in so eine Nicht-Schublade stecken, wäre es sicherlich eine ganze Spur leichter für mich und für Andere, mit mir umzugehen. Aber ich möchte kein der Art verletzendes Verhalten an den Tag legen. Es kann sein, dass ich die Kategorie irgendwann auch für mich aneigne, aber definitiv nicht in meinem derzeitigen Zustand.
Und was passiert mitten in den Prozessen in denen ich mich befinde, und manche Dinge eben noch stärker wahrnehme, als sonst?
Da kommt so ein Cis-Typ daher und gendert sich in Selbstbezeichnung mit _in.
Damit ihn als Cis-Typ zu bezeichnen gehe ich nicht respektlos mit seiner Identität um, sondern gebe nur wieder, wie er sich in langen und intensiven Gesprächen mir gegenüber geäußert hat. Der Grund aus dem er sich gegendert hat ist, dass er nicht sieht, dass er ein hegemoniales Männlichkeitsbild verkörpert. Er kommt nicht damit klar als Macker bezeichnet zu werden (das würde ja auch ein selbstreflektiertes Verhalten voraussetzen), oder dass ihm bestimmte Machtprivilegien zu geschrieben werden (er wurde ja als Kind auch gehänselt und deswegen hat er auch gar keine Vorteile im Leben, gegen über nicht Cis(männlichen)Menschen… Ich würde ja sagen, das nennt sich Schuldabwehr.). Allein die Unterschiede zwischen Selbst-, und Fremdwahrnehmung beschreibt er als Grund dafür sich zu gendern. Aber er hat auf keiner Ebene irgendwelche Probleme sich als cis-männlich zu bezeichnen.
Ich wusste erst nicht, ob ich lachen, oder heulen soll, musste erst das Eine, dann das Andere. Wie kann ein Mensch so unbedacht mit Konzepten um sich werfen, die nicht für ihn bestimmt sind? Wozu bin ich bitte so vorsichtig, wenn ein Cis-Typ, der von allen außer von sich selbst als Macker bezeichnet wird (u.A. auf Grund dominanten Redeverhaltens), dann einfach daherkommt und sie missbräuchlich verwendet, eine Identität vorgibt, die er nicht hat, in dem er einen Unterstrich und eine Endung verwendet, die nicht für ihn bestimmt sind?
Selbstredend möchte ich ihn in seiner Identität respektieren, aber ich muss sagen, dass es mir verdammt schwer fällt genau das zu tun, wenn er scheinbar so wahllos mit Geschlechtsidentitätszuschreibungen umgeht (und es auch bis jetzt nicht schafft meinen richtigen Namen zu verwenden, den mit dem ich mich besser fühle.). Er ist nicht der Erste bei dem ich den Verdacht hatte, dass das was er da tut, nichts mit meinem Verständnis von genderqueer_sich gendern zu tun hat, aber er ist der Erste mit dem ich sehr krass intensive Gespräche darüber hatte, bei dem ich mir 100000% Sicher bin, dass das was da passiert nicht cool ist, und der trotz nächtelangen Gesprächen, nichts verstanden hat.
Hier handelt es sich um die Enteignung von Begriffen, die für einige die Welt bedeuten und für Andere einfach nur cool klingen, oder_und dazu dienen ihre Privilegien als Cis-Mann/Mensch unhinterfragt stehen zu lassen. Hier wird in W_Orte eingedrungen, die nicht für sie bestimmt sind. Und das ist verdammt verletzend für Leute die eben diese brauchen.
Sich selbst zu gendern ist per se nicht verkehrt. Als Cis-Typ kommt mir das aber doch sehr weit hergeholt vor. Und selbst Mal ausgegangen von dem Selbstbild, als nicht mackrige Person, verkörpern doch nicht gleich alle männlichen Leute ein hegemoniales Männlichkeitsbild. Männlichkeit muss nicht Hegemonial männlich sein. Und wer das Nicht glaubt kann ja Mal „Der gemachte Mann“ von R. W. Connell lesen. Danach können wir gerne weiter diskutieren. Bis dahin bitte ich aber noch Mal ausdrücklich darum aufzupassen nicht anderer leuts Lebenskonzepte zu enteignen. Denn das tut nicht nur ihnen verdammt doll weh.

Was mein Name bedeutet?

In letzter Zeit habe ich öfter darüber nachgedacht, was mein Name eigentlich bedeutet und warum es mir nicht möglich ist als namenloses Tier durch die Gegend zu laufen. Eigentlich mochte ich ihn nie wirklich gern. Sein Klang war mir immer zu hart, irgendwie abstoßend, seine Bedeutung war auch nichts Tolles und dann küren einige Leute das Desaster auch noch damit, dass sie ihn abkürzen, so schrecklich, dass ich mich entweder an eine alte first-wave-feministin aus der alice-schwarzer-generation erinnert fühle, oder an ein Kinderbuch, das ich immer schon gehasst habe, weil es unsägliche Geschlechterklischees verbreitet.
Ich habe überlegt, warum ich ihn immer behalten habe, auch als ich gemerkt habe, dass es überhaupt nicht cool ist meinen Namen zu nennen, weil er geschlechtlich konnotiert ist und das eben nicht mit meiner Identität konform geht und auch als mir bewusst geworden ist, dass Namen genau so wenig statisch sind, wie Identitäten. Eine ganze Weile habe ich versucht Vorstellungssituationen zu umgehen, ihn nur dann zu nennen, wenn es wirklich nicht anders geht. Aber wir leben nun Mal in einer Welt, in der Dein Name stetig erfasst werden muss, um Dich benennen zu können, egal ob in irgendwelchen Akten, bei Freund*innen, Bekannten oder in Polit-Kreisen. Irgendwie macht es ja auch Sinn auf irgendeine Weise deutlich zu machen wer gemeint ist. Wir sind nun Mal nicht Zahlen auf einem Stück Papier, sondern lebendige Individuen.
Seit längerem habe ich schon darüber nachgedacht, was denn eine Alternative sein könnte, zu meinem ungeliebten Geburtsnamen. Von Apfel über Olea bis zu Zement bin ich alles durchgegangen, aber nichts gefiel mir auch nur annährend, nichts passte zu mir, nichts davon war ich. Ich hatte immer das Gefühl meine komplette vorherige Identität hinter mir lassen zu müssen, meine Geschichte wegzuwischen. Das wollte ich nicht, denn sie ist Teil von mir.
Vor einiger Zeit gab es dann aber ein Schlüsselerlebnis. Mir wurde klar: Ich gebe die ganze Zeit vor eine Person zu sein, die ich nicht bin. Mir wurde schlagartig bewusst, warum für mich manche Dinge Probleme darstellen, die für andere eine Selbstverständlichkeit sind. Ich wusste, dass sich das nur ändern kann, wenn ich Selbstbewusst mit meiner Identität umgehe.
Also begann ich ganz vorsichtig damit, Mails nur mit den ersten beiden Buchstaben meines Geburtsnamens zu unterschreiben. Sie ergeben einen neuen, nicht eindeutig geschlechtlich konnotierten Namen.
Irgendwie fühlte ich mich gut dabei.
Bis jemand mich in einer Mail damit ansprach, jemand den ich nicht wirklich kannte. Wir wissen voneinander wie wir aussehen und saßen drei Mal auf den gleichen Bündnistreffen, haben aber nie außerhalb davon miteinander gesprochen. Er kannte einen anderen Namen von mir. Plötzlich war ich verwirrt, verunsichert. Er wusste gar nichts über mich, über das Wie, das Warum. Die Tatsache, dass er den Namen verwendete, wirkte für mich irgendwie undistanziert, vertraut, als ob er einen Teil meiner Geschichte kennen würde, ohne dass wir darüber geredet haben. Es verwirrte mich, ich wusste nicht damit umzugehen. Es fühlte sich an, als ob er mir zu nahe getreten wäre. Dabei hatte ich selbst damit unterschrieben.
Ich gehe mit meiner Identität sehr introvertiert um, spreche nur mit ausgewählten Personen darüber wie es in mir aussieht. Ich kann allen Leuten erzählen, wie es mir grad in meiner WG geht, weil ich immer das Gefühl habe: Es betrifft mich nicht richtig. Es sind solche Kleinigkeiten, über die ich mich vielleicht aufrege, aber es ist nur ein temporärer Zustand, nichts weltbewegendes, nichts was mich wirklich bis ins Innerste berührt. Es sind notwendig dazugehörige Übel, an denen ich mich gern dann aufhalte, wenn ich nicht über andere Dinge nachdenken möchte.
Aber wie es wirklich in mir aussieht, darüber rede ich sehr selten, auch weil ich Angst vor verletzenden Reaktionen habe.
Also stellte ich es ein Mails mit Namen zu unterschreiben, redete aber viel mit Freund*innen über die Sache.
Sie nannten mich jetzt oft mit meinem Wunschnamen. Bei ihnen fühlt sich die Nähe, die dadurch geschaffen wird richtig an. Es sind Menschen, die meine Geschichte kennen und wissen wo der Name herkommt. Es ist seltsam, aber es fühlt sich richtig an. Eine Freundin schrieb es Mal richtig: „Auch ich muss mich daran gewöhnen.“ Und das habe ich eine Weile getan, bis ich einen zweiten Versuch unternahm offen mit meiner Identität umzugehen, zu der auch mein Name gehört.

Als die Uni wieder begann stellte ich mich in sämtlichen Seminaren mit meinem neuen alten Namen vor. Dies Mal ging es besser. Ich konnte ihn auch selbstbewusster aussprechen. Es fühlte sich befreiend an, so als ob ich etwas altes hinter mir lassen und doch irgendwie mitnehmen könnte. Es hatte etwas von „ich stehe endlich zu mir und höre auf mir und anderen was in die Tasche zu lügen, vorzugeben eine Person zu sein, die ich nicht bin.“.
Aber dann sind da immer wieder diese Situationen, wie die: Ich stelle mich im Seminar vor. Und dann kommt in der nächsten Sitzung der Dozent mit seiner Liste und liest wieder meinen alten Namen vor. Und wie reagiere ich? Verletzt. Ich schlucke, aber ich sage nichts dazu, weil ich keine Lust habe zu erklären, und weil ich Angst habe vor dem Kurs zu sagen, wer ich bin. Warum reagiere ich nicht mit Widerspruch, obwohl sich alles in mir dagegen sträubt falsch angesprochen zu werden? Ich möchte doch richtig angesprochen werden, warum kann ich das nicht einfach sagen? Das frage ich mich immer wieder in solchen Situationen.
Noch schlimmer finde ich es aber bei Leuten mit denen ich zu tun habe, aber nicht enger befreundet bin. Ich möchte, dass sie Bescheid wissen, denke aber auch umgekehrt, dass ich ihnen zu viel von mir verrate, wenn ich sage wie ich angesprochen werden möchte. Warum will ich es ihnen verheimlichen? Was gibt es für Gründe dafür, wenn ich doch immer wieder schlechtere Laune bekomme, wenn sie mich falsch ansprechen, weil sie es nicht besser wissen?
Ich glaube nicht, dass ich bei allen unbedingt groß erklären müsste, sondern dass viele es auch einfach so hinnehmen würden, so wie ich es auch mache und wenn nicht könnte ich ja auch einfach sagen worauf ich Lust habe. Warum mache ich das nicht?
Fragen, die ich nicht beantworten kann. Vielleicht brauche ich einfach noch Zeit, nicht nur mich an meinen Namen zu gewöhnen, sondern auch selbstbewusst mit ihm umzugehen, auch in mir drin zu verstehen, dass das was auf dem Papier steht nicht darüber entscheiden darf, wie ich mein Leben zu leben habe, wer ich bin, wie ich mich nenne, wie ich mich fühle.

Pronomenrunden

Pronomen-Runden und Zwangsidentitäten

„Vorstellungsrunde. Mit Pronomen, Name und Gruppe.“. Als ich den Satz wieder ein Mal höre, beginne ich nervös hin und her zu rutschen. Vorher war ich entspannt. Jetzt bewege ich mich. Nur um zu bewegen, um nicht meine Fingernägel abzubrechen oder rauszugehen, nehme meine Wasserflasche in die Hand und trinke, obwohl ich keinen Durst habe, nur um irgendetwas zu tun. Ich fühle mich unwohl. Aber ich sage nichts. Es war auch mehr eine festgeschriebene Aufforderung an alle, als eine Frage, ob wir das machen wollen, wo doch sonst so oft gefragt wird, ob alles für alle ok ist.
Ich habe wieder Angst etwas falsches zu sagen, etwas das Andere verletzten könnte, das falsch rüber kommt. Für fast alle im Raum scheint eine Pronomen-Runde obligatorisch dazu zu gehören, etwas zu sein, dass sich etabliert hat und nicht hinterfragt wird, weil es positiv zu sein scheint.
Nun kommt sie wieder bedrohlich schnell auf mich zu. Meine Gedanken springen wild umher. Was sage ich? Was ist in Ordnung, was verständlich? Sage ich was ich denke? Sage ich irgendetwas festes, nur um etwas festes zu sagen, obwohl es nicht stimmt?
Ich möchte nichts sagen, kann die Komplexität meiner Identität nicht in Worten einsperren.
Alle innere Gelassenheit mit der ich hergekommen war, das Bisschen Sicherheit, dass ich mir auf dem Weg hierher erkämpft hatte, ist weg. Ich falle in alte Muster zurück, ziehe mich in mich zurück, denke wieder: Alles ist falsch. Ich bin falsch. Ich passe nicht her, nicht in diese Welt und auch nicht in eine Andere. Es gibt nichts, wo ich hingehöre. Ich kann mich nicht in einem kurzem Satz definieren. Wenn ich es versuche zeigt mein System Error an. Falscher Pfad.
Circa 5 Personen vor mir sagen, Name, Gruppe und ein festes Pronomen. Das baut unwahrscheinlichen Druck auf. Als ich an der Reihe bin, sage ich undeutlich meinen Namen, murmle noch undeutlicher, etwas von „Ich mag keine Pronomen-Runden“ und gebe den Ball weiter. Dabei kann ich niemanden ansehen, starre auf die Kiste vor meinen Füßen, habe Angst, wieder ein Mal falsch zu sein. Wieder ein Mal in feministischen Kontexten, in denen ich mir wünschen würde dieses Gefühl nicht haben zu müssen, in denen ich mich sicher fühlen können möchte, die vorgeben sicherer zu sein. Warum muss ich mich gerade hier definieren? Warum müssen gerade hier genau diese Anforderungen von Mehrheitsgesellschaft in Deutschland reproduziert werden? Warum kann ich nicht einfach ich sein?
Ich spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen, kann gerade noch verhindern loszuheulen, mein erster Impuls ist: „Raus, weg. Ich will hier nicht sein.“ Ich fühle mich wieder ein Mal unwohl in meiner Haut, frage mich wieder ein Mal: „Warum muss ich anderen sagen, wer ich bin, wenn ich es selbst nicht weiß?“ Aber ich sage nichts, weil mir die Worte fehlen und ich keinen Raum einnehmen möchte, weil wir für etwas ganz anderes zusammengekommen sind.
Ich verstehe, dass es Leuten wichtig ist, zu sagen, was für ein Pronomen andere verwenden sollen, wie sie sich selbst betrachten, wer sie sind. Die Idee hinter Pronomen-Runden ist ja auch, dass Leute sich nicht explizit outen müssen, dass niemand andere mit falschem Pronomen anspricht. Aber es besteht ein Outing-Zwang. Ich muss in einer Pronomen-Runde etwas zu meinem Geschlecht sagen, mich irgendwo festlegen, auf eines, mehr oder keines, oder boykottieren, muss mich vor Leuten irgendwo hinbewegen, wo ich so schnell nicht mehr raus komme, oder mich rechtfertigen dafür dass ich es nicht mache. Ich fühle mich erdrückt davon. Mir geht es schlecht, wenn ich das tue.
Wieder gibt es keinen Raum für Fragen: Was ist wenn ich nichts dazu sagen möchte, wenn ich nicht genau weiß, was mir recht ist oder wenn ich an einem Tag so, und am anderen anders fühle?, weil Unsicherheiten und Fragen über sich keinen Raum haben entscheide ich mich für Boykott. Ich möchte nicht vor unbekannten Leuten erklären, wie es in mir aussieht, nicht meinen Namen sagen, weil er geschlechtlichkonnotiert ist, sondern einfach sein dürfen.
Ich möchte auch nicht, dass Leute sagen, wenn ich mich nicht festlege „Oh darüber habe ich noch nicht nachgedacht“ und vorgeben selbst nicht sicher zu sein, obwohl sie es sind und in ihrer Lebensrealität vollkommen andere Problematiken erleben, als ich. Ich habe keine Lust, dass Leute versuchen sich auf meine Ebene zu stellen und mich dabei wieder irgendwo ins Nirvana schubsen, weil sie eben nicht verstehen wo ich mich bewege und vor Allem auch, dass ich nicht statisch bin. Aber ich möchte auch niemandem eine Identität absprechen.
Ich möchte Leuten auch nicht das Bedürfnis absprechen ihr Pronomen nennen zu können, ohne dass es etwas explizites hat. Ich weiß, dass Pronomen-Runden für Manche sehr wichtig sind.
Aber für mich sind sie ein Problem, das mich oft noch Tage später beschäftigt. Wenn ich sage, dass ich diese Art des Zwangsoutings (weil Boykott nicht alle psychisch können und Gruppendruck etwas enorm starkes ist) nicht gut finde, dann gehe ich über Bedürfnisse hinweg. Wenn ich es nicht mache, gehe ich über andere Problematiken hinweg, die -im Übrigen- nicht nur mich betreffen. Sich festlegen und outen ist etwas das nicht alle wollen.
Es ist vertrackt. Es ist schwierig. Was ich fordere ist genau das anzuerkennen, und wenigstens darüber zu diskutieren, was Pronomen-Runden bedeuten, sie kritisch zu hinterfragen. Dazu gehört auch explizit Möglichkeiten zu öffnen nicht teilzunehmen, ohne dass es entweder explizit wirkt oderso, als sei das Pronomen einfach nur vergessen worden und aber auch über andere Lösungen nachzudenken, als die Produktion von Zwangs-Outings oder damit zusammenhängenden unangenehmen Situationen. Denn das Wichtigste für mich ist es einfach ich sein zu dürfen und andere sein zu lassen, ohne sie oder mich definieren zu müssen, genau, wie das kleine Ich bin ich.
ichbinich von mira lobe