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Welcome to Utopia – kleine Geschichten aus dem Alltag 1

Eine sehr empowernde Klolektüre. Obwohl Girl* nicht so richtig passt, immer wieder für ein paar Warme Gedanken.

Nette Aufmunterung einer Freundin, auch wenn Girl nicht so richtig passt.

Welcome to Utopia – kleine Geschichten aus dem Alltag 1

-Die Welt ist voll von tollen Sachen, und es ist wirklich nötig, dass jemand sie findet- (Pippi Langstrumpf)

und manchmal ist es wirklich nötig, das kleine Bisschen Utopia zu finden.

Es ereignet sich in einem wundersamen Fahrradladen. Ich gehe hinein, um mir sagen zu lassen, was mein herzallerliebstes Drahteselein denn hat, dass das Tretlager so lose ist. Die Diagnose ist niederschmetternd: Es ist vollständig hinüber und muss ersetzt werden.
Wie soll ich das nur von meinem nicht vorhandenen Geld finanzieren? Der Schock sitzt tief, bis – ja bis- zu dem Zeitpunkt, zu dem ich meinen Abholschein ausgestellt bekomme und der Mensch dort mich fragt: „soll ich Herr oder Frau schreiben?“.
Weder peinlich berührt, noch mit irgendeiner Wertung in der Stimme, so als sei es das Alltäglichste der Welt.
Ich antworte „am besten nichts von Beidem“ und die Person antwortet „in Ordnung.“.
noch Tage später, freue ich mich über die unerwartete Nachfrage.

Gefangen zwischen Rahmen

Da ist diese eine Welt. In der ich lebe.
Da ist diese andere Welt. Die ich mir wünsche.
Wo ist die Brücke, die Mischung? Warum gibt es nur dieses düstere Tor zwischen den Rahmen und so wenig Raum dazwischen? Ein Text über den Rahmen.

Wieder einmal stehe ich draußen und wische mir die Tränen der Wut mit der geballten Faust aus dem Gesicht, oder nein: Ich vermische sie dort mit dem Schmutz des Tages.
Das sieht bestimmt unpassend aus. Ich muss mir mein Gesicht waschen.
Ich muss gar nichts.
Emotionen zulassen, statt sie zu verbergen. Aber dann auch die fragenden Blicke aushalten, die erdrückend auf mir liegen? Ich will nichts erklären, kann ja doch niemand helfen.

Es gibt keine Lösung. Aber irgendwann muss ich wieder rein gehen.

Diese Welt, in der ich bin, ist nichts für mich. Wie oft ich das schon gedacht habe?
Ich weiß es nicht.
Ich fühle mich gefangen. In Ihr. Geworfen in eine Welt, in die ich nicht hineinpasse, in einem Rahmen, den ich nicht sprengen kann, egal was ich versuche, irgendwie fühle ich mich unpassend und komme doch nicht raus. Wenn es doch mal klappt, fühle ich mich erdrückt von den Rahmen von Welten. Ich ecke an, gehe an Grenzen, aber komme nicht darüber hinaus. Ich versuche das Bild, die Normen zu ändern, mit ihnen zu brechen, sie vorbeiziehen zu lassen, aber der Rahmen… er bleibt. Kein Durchkommen durch die Mauer.
Irgendwas stimmt nicht mit mir. Andere Leute schaffen es doch auch ruhig zu bleiben, sich zu bewegen, und sich nicht ständig an den Widerhaken der Zweigeschlechternormen zu verletzen.
Oder haben sie einfach nur dickere Schutzanzüge und mehr Quetschungen als Fleischwunden? Wo ist der Schmerz, wo die Wut dieser ganzen tollen, starken Menschen? Haben sie wirklich alle gelernt sich langsam, mit der Säge in der Hand, die kleinen Zwischenräume zu suchen, die Angriffspunkte bieten ohne dabei aus dem Gleichgewicht zu geraten? Lecken sie so gut gegenseitig ihre Wunden, dass das reicht, um genug Kraft zu haben nicht stehen zu bleiben? Oder ist das Resignation? Oder einfach nur meine eigene Unfähigkeit zu erkennen, dass ich nicht allein mit meinen Gefühlen bin?

Entschlossen ziehe ich mein T-Shirt hoch und wische mit der Innenfläche mein Gesicht ab.
Offen sein. Ehrlich sein. Kein verdammtes Selbstmitleid. Sagen was stört. Weitermachen. Was bleibt auch übrig, wenn ich nicht erdrückt werden will vom Rahmen der Zweigeschlechternormen? Aufstehen und versuchen ihn zu sprengen, ihn immer wieder ein Stückchen wegdrücken, versuchen ihn zu durchlöchern. Das heißt auch Grenzerfahrungen machen und ja, auch Mal an Widerhaken stoßen, blaue Flecken bekommen. Aber vor Allem geht es nur in dem Verständnis, dass Andere das auch machen, eben nicht alleine.

Diagnose: „Identität: Gestört“

Es gibt mich nicht. Ich bin nicht vorhanden.
Auf dem Papier existiere ich nicht. Im Gesetz bin ich nicht vorgesehen. Im Alltag bin ich unsichtbar.
Es gibt keine Toilette für mich, keine Umkleidekabine, kein Sportteam (in den Sportarten, die ich mag), fast keine Veträge , kein Pronomen, keinen Platz in dieser Welt und auch in keiner Anderen.
Nur in der Psychologie gibt es mich, als die große Kategorie „Identitätsstörung“. Ich bin bestenfalls eine Störung. Subversiv eben. Der nervige Streifen auf dem Bildschirm, der nicht dahin gehört.
Wer mich auf Formularen übergeht, wer mich nicht nennt, wer mich als „krank“ bezeichnet, mir sagt, dass ich verrückt bin, und dass was ich fühle „gestört“ ist, sagt nur was im Diagnosebogen steht und ist im Recht. Das tut weh. Das macht verzweifelt. Das macht wütend.
Ich bin weder weiblich, noch männlich. Ich bin ich. Ich fühle nicht als eindeutig geschlechtliches Wesen. Deshalb falle ich auch nicht in das (mangelhafte) Transsexuellengesetz hinein. Ich würde gerne meinen gesetzlichen Namen ändern und den Geschlechtseintrag in meiner Personenstandsanzeige löschen. Aber das geht nicht. Weil es mich nicht gibt. Ich bin nicht vorgesehen.
In Deutschland muss alles nach Regeln laufen, wer aus dem Rahmen fällt, wird eben als „krank“ abgestempelt. „Eine Therapie wird schon helfen klar zu kommen.“
Nein. Wird sie nicht. Identität ist nicht therapierbar und ich brauche keine Hilfe.
So lange Staat und Gesellschaft das aber glauben, bin ich wohl unheilbar krank und muss jeden Tag wieder und wieder um meinen Stolz kämpfen, darum sein zu dürfen, darum mich nicht zu verbiegen, nicht zu brechen, darum leben zu dürfen und mich nicht von den Ellenbogen der Psychopathologisierung niederschlagen zu lassen.
Und wisst ihr was? Ich werde immer besser darin – auch dank eines Umfeldes, dass es mir leicht macht nicht umzukippen. Ein Schritt ist, laut zu sein! Stolz zu sein, auf Subversivität! Und ich bin nicht Allein! Es gibt uns nämlich Doch!

spiegelbilder eines selbst

Still.
Es ist so unfassbar still um mich herum, in mir.
Es ist eine erdrückende Stille. Eine leere Stille. Keine Ruhe, sondern eine Stille, die Gedanken nicht zu lässt. Eine beängstigende Stille. Eine Stille, die mich in die Enge treibt. Eine Stille vor dem Sturm.

Irgendwo von ganz weit her höre ich Deine Stimme. Aber ich verstehe nicht was du sagst.

Die Stille erdrückt mich. Drückt meine Ohren und Augen zu und engt meinen Brustkorb ein. Ich atme flach und blind.
Ich halte es nicht mehr aus und schreie, laut, fast panisch.
Jetzt ist die Stille weg.
Ich höre auf zu schreien. Die Geräusche verhallen einsam, ungeachtet. Und da ist sie wieder, die Stille, die alles erstickt, die mich erstickt.
Ich weiß nicht mehr, was wirklich geschieht und was nur in meinem Kopf stattfindet, will raus, weg, aber ich kann mich nicht rühren, klebe fest – wie mit Sekundenkleber angeleimt.
Ich schreie noch einmal. Lauter.
Nehme alle Kraft zusammen und renne los.
Blut, Scherben, ein zerbrochener Spiegel, brennen. Tränen. Rosane Flüssigkeit auf dem Boden.
Jetzt bin ich wieder da, in der Realität.

Die Stille ist weg und hat einem dumpfen Schmerz Platz gemacht.

Du bist da. Hältst mich fest. Wie so oft.
Es war schon der dritte Spiegel diesen Monat. Ich habe ja versucht stehen zu bleiben, es auszuhalten, aber jedes Mal, wenn ich mein Bild im Spiegel sehe, kommt diese Stille. Diese Resignation. Diese Leere. Ich fühle nichts. Nur eine dumpfe, erdrückende Stille.
Ich kann hier nicht weg, Mein Körper ist was er ist. Ich muss ihn akzeptieren. Er ist gut so wie er ist. Das sagen alle.
Nur Du verstehst was in mir vorgeht.
Du kennst meinen Körper. Und du kennst mich. Du respektierst mich. Mein Körper, gehört nicht zu mir. Du verstehst meine Verachtung. Meinen Hass. Meinen Ekel. Meine Resignation.

Schön. Alle sagen ich bin schön, sehe gut aus. Ich soll mir mal etwas weiblicheres anziehen, dann habe ich es leichter. Aber niemand versteht meinen Hass. Nur Du verstehst ihn.
Du hältst mich, fängst mich auf und gibst mir die Kraft um weiterzumachen, um gegen die Stille und die Wut anzukämpfen.
Aber Du bist nicht immer da. Du brauchst deine Zeit um dich selbst zu sammeln. Um Ruhe vor meiner Stille zu haben. Ich weiß.

Alle sagen ich soll etwas aus mir machen, ich bin eine schöne Frau, sagen sie. Kein Verständnis, Ignoranz. Nur du verstehst mich. Ich bin keine Frau. Ich bin ein Nichts. Nichts halbes, nichts Ganzen. Ein IchBinIch, nicht definierbar. Und möchte auch als solches akzeptiert werden.

Niemand kann verstehen, dass Schönheit für mich nicht mit diesem Körper geht.
Ich bin nicht schön. Ich bin hässlich. Alle halten mich für etwas das ich nicht bin. Eine Frau.
Ich kann ihnen die Wahrheit nicht näher bringen. Nicht jetzt. Lieber halte ich diese Stille aus. Die Scherben. Die verschwimmenden Grenzen zwischen Gefühl und Wirklichkeit. Sie würden mich hassen, wenn sie es verstünden. Es reicht wenn ich mich selbst hasse.

Nur Du, du hasst mich nicht.

Vielleicht schaffe ich irgendwann damit umzugehen. Dann wird alles besser. Dann brauche ich dich nicht mehr. Dann kann ich alleine aushalten. Dann muss ich mich nicht mehr für meine Performance rechtfertigen. Dann bin ich ich. Aber jetzt bist du einfach da. Und Du bist ich.